Zürich liest und lebt im Entrée von Rüffer & Rub

Es ist eng, sehr eng geworden an diesem verschneiten Samstagnachmittag. Wir drängen uns auf die kunterbunt gemischten Stühle bei Rüffer & Rub. Stehen an der Wand, in den Arbeitszimmern und rücken dichter zusammen. Dazwischen Anne Rüffer, die Verlegerin, charmant, unkompliziert: „Setzen Sie sich einfach irgendwohin“. Es ist wieder «Zürich liest»-Zeit und die Lesung, die findet an diesem Samstag im Altbaufoyer des Verlags statt. Fischgratparkett, Bücher auf den Tischen in den Arbeitszimmern und Regale auf denen Monika Hauser – Nicht aufhören anzufangen neben Schleudertrauma und unzähligen Biographien vom Römerhof-Verlag darauf warten, entdeckt zu werden. Die Lesung: unkompliziert, der Raum ist warm, ebenso der Umgang zwischen Anne Rüfer und den beiden Autoren. Die Stimmung entspannt. Man kennt sich. Die Arbeit am Text verbindet. Angelehnt ans Bücherregal wähnt man sich im Wohnzimmer, fast so wie bei einem Fest unter Freunden. Beinahe möchte man mitdiskutieren, im Gespräch, das Anne Rüffer mit den Autoren führt. Sie sitzen vorne auf einem Tisch, der selbst ein Buch füllen könnte mit seinen Geschichten und der langen Reise, die er hinter sich hat, bis er schliesslich in diesem Foyer seinen Platz fand. Da sitzen sie also, zu dritt und erzählen. Erzählen über die Beweggründe für die Autobiographie, die Biografie. Rolf Lyssy über das Gefühl, das Erlebte niederschreiben zu wollen und Susanne Giger über die Begegnung mit Hans Vontobel. Die ersten Kontakte. Ein langes Gespräch und das Gefühl, diese Geschichte schreiben zu müssen. Dann das Konzept, Wanderideen und wie schliesslich doch noch die vorliegende Biographie daraus wurde. Interessant ist, dass beide Autoren nicht Schriftsteller sind, die sich auf die Suche nach dem Inhalt für ein Werk gemacht haben, sondern, dass der Inhalt sie zum Buch gebracht hat. Lyssy ist Filmemacher, Giger Journalistin. Und beide haben sie durch eine Reihe von Verkettungen von unglücklichen und glücklichen Umständen gespürt, eine Geschichte niederschreiben zu müssen. Danke für diese bewegenden Textmomente und danke an Rüffer & Rub für die Arbeit, diese wunderbare Altbauwohnung mit solchen Erlebnissen zu füllen.

Beitrag zum Buch von Rolf Lyssy vom Sommer 2012

www.ruefferundrub.ch

www.roemerhof-verlag.ch

www.zuerich-liest.ch

Swiss Paradise - Rolf Lyssy

Was geht, wenn nichts mehr geht – Swiss Paradise von Rolf Lyssy

Ein bewegender Bericht hat mich durch den Juli begleitet. Rolf Lyssy, der Schweizer Regisseur (Die Schweizermacher), erzählt in Swiss Paradise – ein autobiographischer Bericht – mit einer bewundernswerten Offenheit von seiner schweren Depression und seinem Weg, den Hoffnungen und Rückschlägen, dieser lähmenden Dunkelheit zu entkommen. Sein Text zeigt, was es heisst, wenn nichts mehr geht, wenn Alltäglichkeiten, ja Aufstehen oder Anziehen belasten und wenn sich unweigerlich die Frage aufdrängt: wird dies je wieder anders werden?

Das Buch ist zugleich aber auch eine berührende Reise in seine Vergangenheit. Die Geschichte seiner Vorfahren, der Emigration seiner jüdischen Grosseltern aus Osteuropa nach Frankfurt, die bewegenden Aufzeichnungen seiner Mutter, deren unglaublicher Lebensweg geprägt von Liebe, Enttäuschung, und Krieg sie nach Osteuropa über Paris in die Schweiz brachte, wo sie, dank der Geburt ihres Sohnes überlebte, während sie vergeblich versuchte, ihre Eltern vor der Deportation zu bewahren.

Man könnte jetzt denken, dass dieses Buch unerträglich schwer zu lesen ist, die Schilderungen zu sehr belasten. Doch – und das ist markant an dem Bericht – so schwer das Thema des Buchs, so leicht lesbar der Stil, in dem Rolf Lyssy erzählt. Er wechselt Schauplätze, beleuchtet kritisch die eigene Krankengeschichte, das eigene Schaffen, Erfolg und Scheitern und nicht zuletzt auch die Mechanik des Schweizer Filmemachens. Und durch die Wiedergabe der Aufzeichnungen seiner Mutter, lässt er sie ihre Lebensgeschichte auf ihre eigene und mitreissende Art und Weise in ihren Worten erzählen.

Swiss Paradise ist erschienen bei Rüffer & Rub