Albert Camus – alles begann damals in der Fremde

Littérature

Vor einigen Wochen schrieb Stefan Zweifel in einem unglaublich treffenden Bericht im TagesAnzeiger über das Buch, das vor weit über einem Jahrzehnt meine Liebe zur französischen Literatur weckte – Der Fremde von Albert Camus. Wenn er sagt: «kaum ein Buch hämmerte sich mit seinen kurzen Sätzen so in mein Herz und Hirn», so spricht er mir aus der Seele. Alles begann damals 1997. Ich war in Bruxelles um Französisch zu lernen und Literatur bedeutete für mich bisher triste Mühsal wie ich sie aus meiner Schulzeit kannte. Lange unverständliche Texte aus einer anderen Zeit, gespickt mit Wörtern, die wir heute nicht mehr brauchen. Dicke Wälzer, durch die sich mein Auge Buchstabe für Buchstabe hindurchkämpfte. Und ein Lehrer, der eingeknickt und gelangweilt vor uns stand, lustlos, leblos, wie eine Trauerweide bedeckt von schwerem Schnee. Es war Pflichtstoff für ihn wie für uns. Keine Spur von Passion oder Liebe zu Sprache und Literatur.

Madame Defosset sass vor mir in ihrem Atelier an der Chaussée de Vleurgat. Gemeinsam sprachen wir über mein Programm für die nächsten Monate, von der Prüfung für den «Accès direct au DALF» und davon, dass ich möglichst viel lesen solle, um richtig gut Französisch zu lernen. Camus den müsse ich kennen und Sartre und De Beauvoir. Mit leuchtenden Augen erzählte Sie von Existenzialismus, von Schriftstellern, deren Namen ich bis dato nie gehört hatte. Ein «Nein» liess sie nicht gelten und  griff energisch nach einigen Büchern. Ich solle es mit «l’étranger» und «la femme rompue» mal versuchen. Zuerst «l’étranger».

Und so sass ich abends im breiten Holzrahmen meines Küchenfensters, die Füsse angelehnt an die verwitterte Feuerleiter meiner Altbaumietwohnung. Unten von der Strasse Gelächter, Teller, die Auf- und Abgetragen wurden, in den Restaurants an der Rue Américaine. Die Abendsonnde schien mir ins Gesicht. Und ich begann: «Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas. J’ai reçu un télégramme de l’asile … »

Was ich las, waren kurze prägnante Sätze. Eine Sprache wie ich sie bisher aus der Schulliteratur nicht gekannt hatte. Klare Gedanken, niedergeschrieben wie sie sind. Die Emotionen mir überlassen. Keine Belehrung, keine langwierigen Beschreibungen, keine überflüssigen Sätze, nichts … Ich war als Fremde angekommen in einer mir unbekannten Stadt, angekommen in einer mir bisher verborgenen Welt: Der Literatur von Albert Camus.

«L’étranger» ist seit 1997 eines meiner liebsten Werke geblieben.

Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich unbedingt den Artikel von Stefan Zweifel. Und natürlich das Buch selbst.