(Er)leichter das Leben

Flohmarkt

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Es ist ein Paradox unserer modernen Gesellschaft: Wir besitzen so Vieles und nutzen oder geniessen all die schönen Dinge wohl nie wirklich. Unsere Schränke sind voll mit Waren, die wir vielleicht einmal brauchen (wohl eher aber nicht) und die manchmal Jahrzehnte auf einen Einsatz warten. Für diesen einen kleinen Einsatz horten wir Sachen über Jahrzehnte? Dinge, die andere möglicherweise gut gebrauchen könnten. In den vergangenen Jahren habe ich viel entrümpelt. Was hat sich geändert?

  • Wir machen in unseren Familien seit vielen Jahren keine Geschenke mehr zu Weihnachten. Seither ist Weihnachten sehr entspannt. Es ist die Zeit, in der wir gemeinsam kochen oder etwas zum Essen beitragen und das Zusammensein geniessen. Kein Kaufstress vorher, dafür viel Zeit, um beispielsweise zusammen Weihnachtsguetzli zu backen.
  • In den vergangenen rund zehn Jahren sind wir mit der Familie ein bis zwei Mal pro Jahr zum Flohmarkt. Das frühe Aufstehen mal abgesehen, haben wir jeweils gemeinsam einen wunderbaren Tag verbracht. Flohmarkt bedeutete zusammen Kaffee trinken, draussen sein, in Erinnerungen kramen. Und er veranlasste uns zweimal pro Jahr die Wohnung zu entrümpeln. 2013 war unser letzter. Die meisten Dinge haben inzwischen einen neuen Besitzer.
  • Weitergeben bereitet doppelt Freude. Eine Arbeitskollegin studiert Romanistik. Einige meiner Literaturbücher haben bei ihr ein neues Zuhause gefunden. Bücher die ich gelesen habe (oder manche auch nicht), freuen nun jemand anderes. Ich bin froh, weil ich Platz schaffe für neue Textreisen und sie freut sich über neue Literatur. Perfect match!
  • Häufiges Umziehen führt zu weniger Sachen. Mit jedem Umzug überlegte ich mehr, ob ich etwas wirklich noch brauchte. Eine Kiste weniger schleppen, ein Möbel weniger auseinandernehmen, der Umzug gestaltet sich mit wenigen Dingen sehr viel einfacher.

Und es sind ja schliesslich nicht Sachen, die unser Leben glücklich machen. Wenn ich zurückdenke, waren es letztes Jahr vor allem Momente wie diese: In piedi sulla Via BregagliaImpressioni primaverili, Engel im Schnee – Wöllkomm in Gais oder Fehlt einzig der Schlitten.

English Version:

It is a paradox of our modern society: We own so much stuff and never really use or enjoy all the beautiful things we have. Our cupboards are cramped with goods we might use one day (but probably not) and they wait even for decades. For this use of a lifetime we hoard things for years? Things that someone else could possibly use well . In recent years, I have decluttered a lot. What has changed?

  • In our families for many years now we don’t offer gifts at Christmas. Since then Christmas is very relaxed. It is the time when we cook together or contribute something to the meal and enjoy being together. No purchase stress before, but instead spending a lot of time, for example, baking Christmas cookies together.
  • Over the past ten years we have always spent one or two days per year at the flea market with the family. Apart from getting up very very early, we have spent a wonderful day. Flea market meant drinking coffee together, being outside, rummaging through memories. And the market forced us twice a year to clean out the apartment. 2013 was our last one. In the meantime most things have found a new owner.
  • Sharing brings a lot of happiness. A work colleague studies Romance philology. Some of my literature books have found a new home at her place. Books I’ve read (or some not), are now bringing joy to someone else. I’m glad, because I create space for new text travels and she is happy getting new literature. Perfect match!
  • Frequent relocating leads to fewer things. With each move, I checked my stuff meticulously to decide whether I still needed something or not. Carry a box less , dismantle a piece of furniture less, the move proves to be much easier with fewer things.

But on the whole it’s not the things that make our lives most happy. Looking back at last year, especially moments like the following were the ones most worth living: In piedi sulla Via BregagliaImpressioni primaveriliEngel im Schnee – Wöllkomm in Gais or Fehlt einzig der Schlitten.

Epanodos – vor und zurück

Rhetorische Figuren

Heute endlich wieder einmal ein kurzer Beitrag zu den Stilfiguren. Die Epanodos (100 Punkte für die Person, die den Plural errät. Es ist… tatata… die Epanodoi) geht in eine Richtung und krebst in die andere mit den gleichen Worten wieder zurück. Oder anders formuliert: Sie verwendet die Worte in umgekehrter Reihenfolge. Etwa so: Das Leben ist schön, so schön ist das Leben! Die Epanodos ist ebenfalls eine Figur der Wiederholung.

Kyklos – ein Kreis schliesst sich

Rhetorische FigurenDer Kyklos ist eine Figur der Wiederholung. Ich gehe am Anfang eines Themas auf etwas ein und komme am Ende wieder darauf zurück. Das Wort oder die Wortgruppe umrahmt das, was dazwischen kommt. Etwa so:

Geniessen sollt ihr diese Ferien, lesen, schlafen, essen und geniessen!

Heute schliesst sich der Kreis dieses Jahres. Ein neues, 2014, beginnt. Allen ein glückliches und gesundes neues Jahr!

Anadiplose. Anadiplose

Rhetorische FigurenWie das so ist, an langen dunklen Wintersonntagabenden, an denen man ungestört frei hat und Zeit in alten Sachen zu kramen. Ich öffne die Kiste meiner geliebten Sprachlehrmittel und was greifen meine Hände? Die kleine Box mit den Kärtchen zu den rhetorischen Stilfiguren. Oh, die Stilfiguren! Eines meiner Lieblingsfächer zu jener Zeit im Studium um die Jahrhundertwende (wie schön das klingt, haha). Hätte ich damals schon diesen Blog geführt, hätte ich sicher mit grosser Freude die einzelnen Figuren gelistet. Zeit, das nachzuholen. Ich werde darum in loser Folge immer mal wieder eine davon herauspicken. Und weil die Anadiplose so schön mit «A» anfängt, fangen wir mit ihr an.

Anadiplose – eine unmittelbare Wiederholung/Verdoppelung

Diese schön sonnigen und ruhigen Wintertage sind einfach traumhaft. Traumhaft ist auch, dass ich jeden Tag ausschlafen kann. 

Bei einer Anadiplose wiederhole ich das letzte Wort oder die letzte Wortgruppe eines Satzes am Anfang des darauf folgenden. Damit betone ich das Wort/die Wortgruppe und rücke sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

GENUG – 274 Seiten für mehr Lebensqualität

Genug - John Naish Passend zu dieser Jahreszeit wie ich finde, eines jener Bücher, das mich damals im Herbst 2010 in meinem ein paar Jahre zuvor gereiften Vorhaben mit weniger Material zu leben weiter bekräftigte. In diesem Buch setzt sich der britische Times-Journalist John Naish mit der Welt des Überflusses auseinander. Kapitel für Kapitel geht er auf die «Genugs» unserer modernen Gesellschaft ein: Genug Information, Genug Essen, Genug Sachen, Genug Arbeit, Genug Auswahl, Genug Glück, Genug Wachstum und Nie genug. Das Buch liest sich leicht. Naish informiert sachlich auf unterhaltende Weise und mit vielen Verweisen zu Umfragen oder Studien. Jedes Kapitel schliesst mit nützlichen Tipps zur Umsetzung im eigenen Alltag.

Grundsätzlich wäre es wohl ratsam das Buch vor Weihnachten zu lesen. Bevor wir tonnenweise Unnützes oder Überflüssiges kaufen. Denn in Wahrheit –  so steht es auch auf dem Buch –  fehlt uns gar nichts, bis auf die Fähigkeit zu erkennen, wann wir genug haben. Innerhalb der Familie machen wir seit Jahren keine Weihnachtsgeschenke mehr. Sie fehlen tatsächlich nicht. Im Gegenteil. Seither haben das gemeinsame Essen, das Zusammenkommen und die Zeit, die wir zusammen verbringen, wieder massiv an Bedeutung gewonnen. In diesem Sinne wünsche ich allen noch frohe Fest- und Urlaubstage!

John Naish, GENUG, erschienen bei Ehrenwirth, ISBN 978-3-431-03762-3

Albert Camus – alles begann damals in der Fremde

Littérature

Vor einigen Wochen schrieb Stefan Zweifel in einem unglaublich treffenden Bericht im TagesAnzeiger über das Buch, das vor weit über einem Jahrzehnt meine Liebe zur französischen Literatur weckte – Der Fremde von Albert Camus. Wenn er sagt: «kaum ein Buch hämmerte sich mit seinen kurzen Sätzen so in mein Herz und Hirn», so spricht er mir aus der Seele. Alles begann damals 1997. Ich war in Bruxelles um Französisch zu lernen und Literatur bedeutete für mich bisher triste Mühsal wie ich sie aus meiner Schulzeit kannte. Lange unverständliche Texte aus einer anderen Zeit, gespickt mit Wörtern, die wir heute nicht mehr brauchen. Dicke Wälzer, durch die sich mein Auge Buchstabe für Buchstabe hindurchkämpfte. Und ein Lehrer, der eingeknickt und gelangweilt vor uns stand, lustlos, leblos, wie eine Trauerweide bedeckt von schwerem Schnee. Es war Pflichtstoff für ihn wie für uns. Keine Spur von Passion oder Liebe zu Sprache und Literatur.

Madame Defosset sass vor mir in ihrem Atelier an der Chaussée de Vleurgat. Gemeinsam sprachen wir über mein Programm für die nächsten Monate, von der Prüfung für den «Accès direct au DALF» und davon, dass ich möglichst viel lesen solle, um richtig gut Französisch zu lernen. Camus den müsse ich kennen und Sartre und De Beauvoir. Mit leuchtenden Augen erzählte Sie von Existenzialismus, von Schriftstellern, deren Namen ich bis dato nie gehört hatte. Ein «Nein» liess sie nicht gelten und  griff energisch nach einigen Büchern. Ich solle es mit «l’étranger» und «la femme rompue» mal versuchen. Zuerst «l’étranger».

Und so sass ich abends im breiten Holzrahmen meines Küchenfensters, die Füsse angelehnt an die verwitterte Feuerleiter meiner Altbaumietwohnung. Unten von der Strasse Gelächter, Teller, die Auf- und Abgetragen wurden, in den Restaurants an der Rue Américaine. Die Abendsonnde schien mir ins Gesicht. Und ich begann: «Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas. J’ai reçu un télégramme de l’asile … »

Was ich las, waren kurze prägnante Sätze. Eine Sprache wie ich sie bisher aus der Schulliteratur nicht gekannt hatte. Klare Gedanken, niedergeschrieben wie sie sind. Die Emotionen mir überlassen. Keine Belehrung, keine langwierigen Beschreibungen, keine überflüssigen Sätze, nichts … Ich war als Fremde angekommen in einer mir unbekannten Stadt, angekommen in einer mir bisher verborgenen Welt: Der Literatur von Albert Camus.

«L’étranger» ist seit 1997 eines meiner liebsten Werke geblieben.

Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich unbedingt den Artikel von Stefan Zweifel. Und natürlich das Buch selbst.

In piedi sulla Via Bregaglia

Soglio im Bergell

Es war eine kurze Auszeit, aber eine besonders intensive. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Woche Urlaub gehabt. Dabei waren es gerade mal 3. Tage. Das passiert, wenn man fernab vom Trubel in die Kastanienwelt des Bergells eintaucht. Eine Region, die ich schon seit Jahren besuchen wollte. Am Dienstag, 1. Oktober 2013 brechen wir auf nach Soglio. Mit dem Zug bis Chur, von dort mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz und dann mit dem Postauto weiter über Maloja nach Promontogno, wo wir erneut umsteigen, um ein anderes Postauto nach Soglio zu nehmen.

Soglio liegt auf einer Sonnenterrasse und ist umgeben von einer wunderschönen Bergwelt. Wir spazieren etwas durch das Dorf und geniessen – wie könnte es anders sein – Marronikuchen am späten Nachmittag.

Waschhaus in Soglio

Charakteristisches Dorf Soglio

Übernachtet haben wir im Palazzo Salis, einem historischen Hotel. Das Essen, die gewählten Tortelli mit Kastanien-Moussefüllung wie auch das Rosmarin-Risotto mit Malögin (ein Käse der Region) schmecken ausgezeichnet und das Frühstücksbuffet am Morgen bietet die richtige Stärkung vor der Wanderung am nächsten Tag. Bevor’s losgeht mit der Wanderung Richtung Chiavenna, besuchen wir jedoch zunächst den Garten des Palazzo, in dem zwei friedliche Mammutbäume wachsen.

Mammutbaum

Mammutbaum

Im Park des Palazzo Salis

Im Park des Palazzo Salis

An diesem Morgen ist einzig das sanfte Zwitschern der Vögel zu hören, es riecht nach fallenden Blättern und Holz und die Sonne blinzelt durch die Nebelschwaden und die Baumwipfel. Ein Moment des Durchatmens, des  Augenschliessens und Innehaltens. Den Tag  könnten wir genauso gerne in diesem wunderbaren Garten verbringen.

Nach dem Check-out schultern wir die Rucksäcke, das Gepäck für diese Tage haben wir auf das Minimum reduziert und Schritt für Schritt geht es der Via Bregaglia folgend hinunter nach Castasegna. Vorbei an der ersten «cascina» (kleine Hütten zur Trocknung der Kastanien), durch Wiesen mit den ersten braunen und gelben Blättern und den ersten stacheligen grünen «Igelchen» der Bäume, aus denen dann und wann eine Kastanie hervoräugt. Wir rasten im Castagneto, dem Kastanienwald von Castasegna, und erfahren auf dem Lehrpfad, dass die mächtigen Bäume eigentlich sanfte Pflänzchen sind, deren Pflege, Schnitt und Veredlung viel Feingespühr erfordern.

Castagne

Castagne

Castasegna ist nicht nur ein malerischer Ort direkt an der Grenze zu Italien, sondern zugleich auch der Ort, aus dem die Soglio-Produkte herkommen. Diese herrlich duftenden Duschmittelchen, Crèmes, Öle, Seifen und Shampoos, die erahnen lassen, welche reiche Blütenlandschaft die grüne Bergwelt des Bergells hervorbringt.

Soglio Hauptsitz in Castasegna

Soglio Haupsitz in Castasegna

Terrasse Villa Garbald in Castasegna

Terrasse der Villa Garbald in Castasegna

Weiter der Via Bregaglia folgend passieren wir die Grenze und wandern der Mera (in der Schweiz Maira genannt) entlang nach Villa di Chiavenna und weiter auf weichem, mit Laub gepolstertem Waldboden bis nach Santa Croce. Bei der schönen Brücke, die über die Mera führt halten wir, es ist bereits später Nachmittag und damit nicht nur Zeit eine Unterkunft zu suchen, sondern auch gedanklich das Nachtessen zu planen.

Welch Glück finden wir auf unsere telefonische Anfrage hin noch ein Zimmer im Hotel Piz Cam in Vicosoprano (deren Adresse wir uns schon vorab gemerkt hatten). Nur eine halbe Stunde bleibt uns noch bis das Postauto fährt. Wir laufen noch etwas der über Steinen gurgelnden Mera entlang zur Kirche San Martino di Aurogo und setzen uns auf eine Bank, dem Wasser und den Blättern im Wind lauschend.

Mit dem Postauto geht’s nicht nur zurück in die Schweiz und über die Grenze, es fährt uns direkt nach Vicosoprano. Wir kommen im Piz Cam an, einem gemütlichen kleinen Hotel, welches das Besitzerpaar gemeinsam renoviert hat und selber bewirtschaftet. Jedes Zimmer trägt eine Farbe. Unseres ist die Camera BLU. Sie ist modern, sehr sauber und bietet einen schönen Blick auf den Garten vor dem Hotel und die umliegenden Häuser von Vicosoprano. Wir haben noch ein wenig Zeit bis zum Abendessen und schlendern etwas durch die verschlungenen Gassen von Vicosoprano.

Mit gutem Essen lassen wir den Tag ausklingen. Aus der Karte wählen wir Valerias hausgemachte Marroninudeln und die Pizoccheri. Zum Nachtisch dann Marronikuchen und ein unvergleichliches Sorbetto alla Prugna. Das Abendessen schmeckt hervorragend. Gemütlich sitzen wir auf der Eckbank, geniessen die Pasta, die Pilze, den Käse und die ganze Aromenvielfalt der regionalen Küche. Das Piz Cam ist übrigens auch in einem der Bände der von Martin Weiss mit viel Liebe recherchierten URCHUCHI-Bücher zu finden. Ein wahrer Glücksgriff und der perfekte Ausklang für einen Tag inmitten der urigen Natur des Bergells.

Blick aus dem Dachzimmer des Piz Cam

Blick aus dem gemütlichen Dachzimmer des Piz Cam in Vicosoprano

Ruckzuck-Sandwich mit Räuchertofu

Sandwich mit Räuchertofu

Nach langer, langer Zeit melde ich mich zurück … Viel ist passiert diesen Sommer und ich werde versuchen nach und nach einige schöne Begebenheiten der warmen Monate aufzuarbeiten. Ein leckerer davon war ein Sandwich, das entstand, als es mal sehr schnell gehen musste. Dazu braucht’s:

– rotes Pesto (hier Pesto Calabrese)
– Räuchertofu (bei mir war’s der Tofu von Noppa)
– glattblättrige Petersilie
– ein leckeres knuspriges Brot

Räuchertofu in dünne Scheiben schneiden und schön knusprig anbraten.

Brot aufschneiden mit Pesto ausstreichen und mit Tofu belegen. Petersilie waschen, trocken tupfen und aufs Brot legen. Fertig. Mjammm…